Interview mit einem zukünftigen Integrationscoach

Andreas Noack, Leiter der Schwedter Tafel und der Schutzhütte Schwedt ist einer von sieben Teilnehmern an einer Weiterbildung zum Integrationscoach, welche vom Bundesverband Deutsche Tafel e.V. gefördert wird und die Tafel-Akademie in Kooperation mit dem CVJM anbietet.
Andreas Noack arbeitet mit einem multinationalen Team und erwirbt in der Weiterbildung wichtige Kompetenzen für seine alltägliche Tafel-Arbeit.

Was bedeutet die Ausbildung zum Integrationscoach für Sie?

Für mich bedeutet das, dass ich unterschiedliche Kulturen nochmal aus einem anderen Blickwinkel kennen lerne und Hintergrundwissen für die Arbeit mit einem multinationalen Team erwerbe. Das Wissen, was mir in der Weiterbildung vermittelt wird, hilft, im Umgang mit meinem Team besser entscheiden zu können, an welcher Stelle ich mehr Luft lassen kann und an welcher Stelle ich meine eigene auch Kultur durchsetzen muss und kann, um zu einem bestimmten Ergebnis zu kommen. Ich lerne zu reflektieren in welcher Situation ich mich gerade befinde und welche Rolle ich dabei einnehmen kann. Manchmal bedeutet das auch zurückzustecken und zu warten, bis man Ziele erreicht. Und: Mir meine Entscheidungen bewusster zu machen. Das ist das, was ich persönlich in dieser Ausbildung lerne.


Warum haben Sie sich dafür entschieden diese Ausbildung zu machen?

Es ging zum einen um mein persönliches Interesse und zum anderen darum, in der Integrations- und Flüchtlingszusammenarbeit nicht mehr "aus dem Bauch heraus" zu entscheiden, sondern fundiert tätig zu sein und dies auch möglichen Förderern kommunizieren zu können. Ich hoffe, dass mir die Weiterbildung hilft, wenn ich Anträge auf Projektförderungen und Unterstützung bei Stadt und Landkreis für Integrationsarbeit in der Tafel stelle, durch mein Fachwissen bessere Chancen zu haben als vorher.


Warum ist die Weiterbildung für ihre Tafelarbeit wichtig?

Wir haben ein ganz multinationales Team, viele Bundesfreiwilligendienstleistende, auch mit Flüchtlingsbezug. Die Kompetenzen und das kulturelle Hintergrundwissen, welche in der Weiterbildung vermittelt werden, helfen, mit den täglich entstehenden Herausforderungen in diesem Team umzugehen. Hierzu ein Beispiel: bei uns gibt es täglich vor unserer "OffenSpielBar" ein Teamtreffen. Früher habe ich die Punkte, die ich in der Zeit abhandeln wollte ganz genau geplant, ich wusste wo ich nach einer halben Stunde stehen will und habe das so durchgesetzt. Als sich das Team veränderte kamen anfangs die Deutschen pünktlich, und die anderen fünf bis zehn Minuten später. Ich habe dann für mich festgelegt, dass Pünktlichkeit, um die halbe Stunde voll ausnutzen zu können, wirklich sein muss. Aber in den anderen Bereichen habe ich Luft gelassen und gesagt, okay, dann schwatzen wir eben einfach mal über alles Mögliche, wenn das gewünschte Ergebnis dann nicht sofort erreicht wird, ist das nicht so schlimm, sondern wir versuchen einfach, einander zu verstehen und es funktioniert auch so.

Ein zweites Beispiel ist die kulturelle Prägung von Entscheidungsprozessen, die ich in der Weiterbildung zu verstehen gelernt habe. Deutsche überlegen in der Regel nur kurz wenn man sie etwas fragt und dann hat man eine direkte Antwort. Andere Kulturen hören sich Dinge an, bewegen sie gegebenenfalls eine Zeit lang in ihrem Kopf und die Antwort kommt dann drei Tage später. Ich habe das Thema einer Weihnachtsfeier angesprochen, bekam dazu allerdings kein Feedback. "Typisch deutsch" habe ich gedacht, okay, keine Antwort heißt für mich kein Interesse und wir machen keine Weihnachtsfeier. Aber dann kamen sie drei Tage später und fragten nach, wie dass denn jetzt mit der Weihnachtsfeier sei und was wir da machen würden. Durch die Integrationscoachausbildung habe ich gelernt zu differenzieren, wie die Herangehensweise an ein Problem kulturell geprägt ist. Natürlich ist das auch persönlichkeitsabhängig aber bei verschiedenen Kulturen ist die Weite der Unterschiedlichkeit noch einmal viel größer. Wir können ganz vielen Flüchtlingen bei der Tafel eine sinnvolle Beschäftigung geben und ihnen gleichzeitig bei vielen Dingen wie Arztbesuch, Schule, Kindergarten und Behörden helfen. Die Weiterbildung ermöglicht mir, dies noch gezielter zu tun.


Wie hat sich Flüchtlings- und Integrationsarbeit in Ihrer Tafel entwickelt?

In das Thema Flüchtlingsarbeit sind wir ganz automatisch eingestiegen, da Flüchtlinge plötzlich ganz verstärkt in die Tafel gekommen sind. Da kamen Menschen mit anderen Sprachkenntnissen, bei denen auch kein Englisch half. Da war sehr schnell klar: Wir brauchen Übersetzer, wenn das hier nicht zum Pulverfass werden soll. Wir müssen uns kennen lernen. Hier in Schwedt war das anfangs ganz schön schwierig Leute zu finden, ein Ärzteehepaar hat uns dann bei den ersten Übersetzungen geholfen. Für uns alle war aber zusätzlich klar: Wir helfen bei der Sprache, ob wir dazu ausgebildet sind oder nicht. Meine Frau hat sich jeden Morgen in die Tafel gesetzt und mit dem Google-Übersetzer geholfen. Der Bürgermeister hat das dann ziemlich schnell registriert, sodass wir in die Netzwerke einbezogen wurden. Dadurch hatte die Tafel eine Vorreiterrolle. Uns war klar: Hier ist Hilfe notwendig und wir können helfen, ob mit Nahrungsmitteln oder Gebrauchtgütern, aber um der deutschen Bevölkerung gegenüber fair zu bleiben und das vermitteln zu können, müssen wir auch in der Tafel sehr schnell Brücken bauen und Verständnis fördern.


Wie entstand die Idee in der eigenen Tafel ein Projekt zur Integrationsförderung zu machen und wie hilft ihnen das Wissen, das sie in der Weiterbildung erwerben?

Ein neues Projekt ist jetzt der Wunsch, Tafel-Ehrenamtlichen Kompetenzen dafür zu vermitteln, wie sie Flüchtlinge gezielter im Alltag begleiten können, zum Beispiel beim Gang zum Jobcenter oder zum Arzt. Ganz wichtig ist dabei, dass ehrenamtliche Flüchtlingshelfer auch lernen wie man da am besten kommuniziert also auch sozial kompetent übersetzt. Dafür ist die Sprache gar nicht das ausschlaggebende, sondern die Kulturvermittlung. Wie kommuniziere ich am besten mit Ärzten oder dem Sachbearbeiter beim Jobcenter und wie vermittle ich auch Geflüchteten, dass er aus seiner Kultur heraus versteht, dass es in Deutschland eben viele Papiere ausfüllen muss.


Also auch eine Art "Deutschlandkurs" für Flüchtlinge?

Genau! Und eben zu vermitteln. Angestellten in Behörden zu erklären: "Sie müssen sich vorstellen, die Leute kommen hierher und haben maximal einen Ausweis, in ihrem Heimatland hatten sie teilweise keine Papiere und sie verlangen jetzt, dass seitenweise Dokumente ausgefüllt werden. Da müssen Sie den Menschen auch erstmal eine Zeit geben, sich auch daran zu gewöhnen." So kann Verständnis auf beiden Seiten gefördert werden.


Wie wichtig ist Bildung in der Integrationsarbeit der Tafel?

Sehr wichtig, ich erlebe, dass vor allem junge Leute in diesem Bereich sehr, sehr gebildet sind, und die haben ja auch ihre Erfahrungen und auch das wieder einzubeziehen. Das Besondere an der Weiterbildung ist, dass wir nicht nur theoretischen Input, sondern eben auch ganz viele Erfahrungen aus dem Mund der anderen Kulturen hören. Das ist fast mehr wert, als die theoretischen Aspekte.


Weitere Informationen zu der Weiterbildung erhalten Sie unter: