Woche zur interkulturellen Zusammenarbeit in Schwedt

Gemeinsam leben – Gemeinsam arbeiten

Nach rund eineinhalb Stunden Nahverkehrsfahrt aus Berlin heraus in die Uckermark, gelangt man ins tiefe Ostdeutschland. Raus aus dem internationalen, quirligen Berlin rein in eine brandenburgische Kleinstadt. Schwedt liegt an der Grenze zu Polen und auf den ersten Blick scheint die Stadt nicht gerade der Ort zu sein, in dem es für junge Menschen viel zu erleben gibt. Es gibt einen eingleisigen Bahnhof, ein kleines Einkaufszentrum und viel Grün.

Doch hier in Schwedt gibt es auch die „Schutzhütte“, die einen Tafel-Laden betreibt. Und Tafel-Gärten. Und die Offen-Spiel-Bar, in der von Tischtennisplatte über Gesellschaftsspiele alles vorhanden ist. In den Räumen der Offen-Spiel-Bar finden sich in dieser Woche immer nachmittags, nachdem der Tafel-Laden geschlossen hat, rund 20 Ehrenamtliche und Bundesfreiwilligendienstleistende der Tafel und der Offen-Spiel-Bar aus sieben unterschiedlichen Kulturen auf den bunten Sofas und Stühlen ein, um miteinander zu lernen. Das Thema ist interkulturelle Zusammenarbeit. Andreas Noack, Leiter der Schwedter Tafel, hat die gemeinsame Woche organisiert, damit sich das internationale Team näher kennen lernt und Integration gefördert wird.

Zakaria und Bahareh sind zwei von ihnen. Sie sind jung, sehr jung. Bahareh ist 20 Jahre alt, rund zwei Jahre ihres Lebens hat sie in Deutschland verbracht. Sie wurde im Iran geboren und kann dort aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit nicht sicher leben. Vor zwei Jahren kam sie nach Deutschland, mit dem Flugzeug über die Türkei, mit dem Boot nach Griechenland, mit dem Bus, dem Zug und immer zu Fuß über die Ländergrenzen. Sie weiß nicht mehr, wann sie welches Verkehrsmittel genutzt hat, es waren zu viele.  Zakaria wollte eigentlich nach Finnland. Er floh gemeinsam mit seinem Bruder vor den Bomben in Syrien. Seine Mutter ist noch dort. Zakaria hofft jeden Tag, dass sie überlebt. Er ist ebenfalls vor rund zwei Jahren in Deutschland angekommen und wurde schließlich nach Schwedt gebracht.

Schwedt ist ein kleiner Ort, relativ abgelegen von den größeren Ballungsräumen in Deutschland. Das bedeutete für beide erstmal die Angst, hier noch weniger Chancen zu haben, als sie in ihrem Status als Geflüchtete in Deutschland ohnehin schon haben. Eine mäßige Infrastruktur, weniger Kontakte und noch weniger Möglichkeiten. Doch es kam anders. Schwedt kennt sich gut aus mit Migration. Das Netzwerk zur Unterstützung von Geflüchteten ist gut aufgestellt und engagiert. Vom Tafel-Laden aus blickt man über Wiesen hinweg auf zwei mehrstöckige Häuser. In diesen quadratisch, praktisch, grauen Bauwerken sind Menschen untergebracht, die aus Ihren Heimatländern vor Krieg und Verfolgung flohen und deren Königsteiner Los entschied, dass sie von nun an in Schwedt leben werden. Andreas Noack und seine Mitarbeitenden gingen von Anfang an direkt auf die Menschen zu, boten ihnen Unterstützung in Form von Lebensmitteln, gespendeten Einrichtungsgegenständen und Kleidung. Gleichzeitig luden sie jeden ein, der Lust hatte, sich in der Tafel oder in der Offen-Spiel-Bar zu engagieren.

Seit fast einem Jahr sind Zakaria und Bahareh nun als Bundesfreiwilligendienstleistende dabei. Für Andreas Noack war ihre Herkunft nie ein Thema. Dennoch ist es eine Herausforderung, wenn viele Kulturen, unter ihnen Geflüchtete mit teils schweren Schicksalen, zusammenarbeiten. Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Systemen, mit  verschiedenen Glaubensrichtungen und Essgewohnheiten. Damit dies nicht zum Pulverfass werde, müsse man sich kennen lernen und miteinander sprechen! Ganz egal, wie lang es dauert und wie kompliziert es anfangs ist. In dieser Haltung ist sich Herr Noack sicher. Auch wenn die Zusammenarbeit toll klappte und es erfreulicherweise wenig Konflikte gab, wollte er sein Team gezielt stärken, damit keine Konflikte unter der Oberfläche schwelen und deutlich wird: Hier in Schwedt sprechen wir miteinander.

Das Know-how für die Teamwoche zur interkulturellen Zusammenarbeit eignete sich Herr Noack über die Fortbildungen der Tafel-Akademie und im Rahmen einer Weiterbildung zum Integrationscoach durch den CVJM Deutschland, für die er von Tafel Deutschland im Jahr 2016 ein Stipendium erhielt, an. Er lernte dadurch, die Woche nicht nur organisatorisch, sondern auch inhaltliche selbst zu gestalten und Diskussionen anzuleiten.

Zu Beginn der heutigen Einheit erklärt er eine Simulationsübung zum Thema Gruppenzugehörigkeit, Ausgrenzung und Toleranz. Nach ein paar Sätzen macht er eine Pause und wartet geduldig, bis Bahareh auf Arabisch übersetzt hat. In einer anderen Ecke des Raumes wird die Übersetzung parallel auf Russisch geflüstert. Dann geht es los. Menschen, die aus unterschiedlichen Ländern dieser Erde auf vielen Wegen nach Schwedt gekommen sind, unterschiedliche Sprachen sprechen, unterschiedlich glauben und geprägt worden sind, spielen eine Simulationsübung durch und reflektieren danach gemeinsam, was sie daraus mitnehmen.

Nach etwa einer Stunde gibt es 15 Minuten Obst- und Kekspause, „daraus werden wohl 30 Minuten“, zwinkert Herr Noack. Doch genau darum geht es hier: Tafel-Helfende werden nicht mit komplizierten Theorien gefüttert oder müssen tiefes Hintergrundwissen verstehen. Lernen bedeutet, miteinander zu erleben, Verständnis für die Situation der geflüchteten Mitarbeitenden zu entwickeln und sich gegenseitig besser kennen zu lernen. Die Gestaltung der sozialen Einrichtungen soll künftig gemeinsam stattfinden. Vom Ich und Du zum gemeinsamen Wir - das ist sein Ziel in der Tafel, in der Offen-Spiel-Bar und in der Gemeinde.

Es wurde schon heftig diskutiert in dieser Woche und genau so viel miteinander gelacht. Eine gemeinsame Dampferfahrt mit letzten Lerneinheiten und einer gemeinsamen Auswertung ist das Finale der interkulturellen Woche. Auf dem Schiff wird getanzt, gesungen und viel, viel fotografiert. Es sei sein bisher schönster Tag in Deutschland gewesen erzählt ein junger Mann aus dem Iran, wenn Andreas Noack in Rente gehe, würde er sich bereit erklären, die Leitung der Tafel zu übernehmen, verspricht er. Hier Nachwuchs für das Tafel-Ehrenamt zu finden, ist wohl kein Problem mehr.

Am Ende der Einheit bleiben alle sitzen. Es ist nicht die typische Aufbruchsstimmung wie nach einer Lehrveranstaltung in der Schule oder der Universität. Man unterhält sich noch und räumt gemeinsam die Küche auf.

Und auch, wenn Zakaria immer noch jeden Morgen aufwacht und denkt: „Ich bin nicht zu Hause“, ist Schwedt doch ein Ort geworden, an dem er gerne lebt, lernt und arbeitet.